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Lerne die Graue Stadt kennen, in der die Stille Ordnung Fokusbegabten das nimmt, was sie zu Menschen macht: ihre Emotionen.
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Die Kinder der Grauen Stadt – Die Gejagte
Kapitel 1
Ein Rascheln in der Dunkelheit ließ Myra innehalten. Sie drückte sich in den Schatten der Hauswand, im toten Winkel einer der Sicherheitskameras, und lauschte. Ein leises Schaben drang an ihr Ohr. Langsam beugte sie sich vor und lugte um die Ecke.
Eine Ratte huschte quiekend an ihr vorbei. Myra zuckte zurück und stieß zitternd die angehaltene Luft aus. Sie vergewisserte sich, dass sie allein auf den nächtlichen Straßen der Sektion Südwest unterwegs war, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte. Die Nebelklause war nicht mehr weit.
Während der Öffnungszeiten des Gasthauses konnten die Bewohner der Stadt hier drei ihrer sogenannten Nahrungssticks eintauschen und bekamen dafür ein Getränk und ein festes Essen. Es war eine nette Abwechslung zu den Suppen, die normalerweise aus den Sticks, kleinen Kunststoffröhren, gefüllt mit Pulver, zubereitet werden konnten. Heute allerdings war Myra zum Putzen hier. Davon abgesehen hätte sie sich von dem mageren Lohn, den sie für ihre Tagschichten im Bunker erhielt, keine der nahrhaften Mahlzeiten leisten können, auch wenn sie noch so hungrig war.
Die verhangenen Fenster des Schankraums zeigten nach vorn auf die Straße direkt zu den gegenüberliegenden Wohnblöcken. Sie verrichtete ihre Arbeit im gedämpften Licht einer mobilen Lampe, zu groß war das Risiko, dass der Lichtschein durch die Vorhänge drang und unerwünschte Aufmerksamkeit auf sie lenkte.
Die Straßen waren während der nächtlichen Ausgangssperre größtenteils leer, doch die galt lediglich für niedrigere Arbeitergruppen wie ihre. Sie musste sich also vor Entdeckung schützen. Immer.
Als Myra schließlich auch die verdreckten Toiletten geputzt hatte, trug sie den Müll durch die Hintertür nach draußen. Rasch schaltete sie ihre Lampe aus, stellte sie auf eine der Stufen und warf die Tüten in die vorgesehenen Tonnen links von sich.
Der dichte Nebel über dem kleinen Weiher, dessen Ufer nur wenige Schritte hinter dem Gebäude lag, lichtete sich so langsam. Es würde bald hell werden und die Zeit, bis sie ihre Schicht im Bunker antrat, wurde langsam knapp.
Sie wollte sich gerade zum Gehen wenden, als sie eine Bewegung am gegenüberliegenden Rand des Weihers bemerkte. Dort, direkt auf der Grasnarbe zwischen Wasser und Stadtmauer, löste sich ein Schatten aus einer dunklen Nische. Myra duckte sich hinter die Mülltonnen und spähte daran vorbei.
Eine Gestalt watete durch Nebel und Schlamm auf das westliche Ufer zu. Sollte Myra ihr Versteck verlassen und davonlaufen? Sie zögerte einen Moment zu lange. In diesem Moment erreichte die Person festen Boden und wandte sich nach rechts von der Mauer ab. Sie lief direkt auf Myra zu. Ein langer Mantel mit Kapuze verhüllte zwar die Konturen und das Gesicht, doch Gang, Größe und Breite ließen auf einen Mann schließen. Sein Blick war gesenkt. Myra konnte nur hoffen, dass er sie nicht entdecken würde.
Verdammt.
Sie blickte sich hastig um. Wenn sie hinter den Tonnen hervorkam, wäre sie direkt in seinem Sichtfeld. Also zog sie sich noch weiter in den Schatten zwischen Hauswand und Mülltonnen zurück. Kurz lugte sie an den Tonnen vorbei zu der Stelle, an der er so überraschend erschienen war. Aus dieser Entfernung konnte sie lediglich eine dunkle Spalte an der Mauer erahnen. Befand sich dort eine Öffnung im Gestein? Die konnte der Obrigkeit, der Stillen Ordnung, nicht bekannt sein, denn im Gegensatz zum Haupttor befanden sich hier keinerlei Wachen.
Rasch zog sie ihren Kopf zurück, als der Mann auf der Hälfte seines Weges langsamer wurde. Myra hielt die Luft an. Hatte er sie entdeckt? Er wurde wieder schneller und kam auf Höhe des Hintereingangs, und somit wenige Schritte neben ihrem Versteck, zum Stehen. Quälend langsam drehte er sich um die eigene Achse und nahm seine Umgebung in Augenschein. Dann bückte er sich und hob etwas auf.
Verdammt. Verdammt. Verdammt!
Ihre Lampe. Die hatte sie vorsorglich ausgeschaltet, um nicht aufzufallen.
»Wer ist da?«, fragte er mit dunkler Stimme.
Myras Mund wurde trocken. Lautlos presste sie sich noch tiefer in den Schatten, zum ersten Mal dankbar für ihren ausgemergelten Körper, der sich problemlos in jede noch so kleine Ritze quetschen konnte. Obwohl das raue Gestein der Hauswand unangenehm gegen ihre Wirbel drückte, verharrte sie mit klopfendem Herzen.
Sich zu zeigen, wäre ein zu großes Risiko. War er im Auftrag der Stillen Ordnung unterwegs, so würde er sie für ihre unerlaubte Anwesenheit hier ans Messer liefern. Seine Aufmachung, der lange Mantel, die Kapuze, passten allerdings nicht zu der uniformierten Gleichförmigkeit der Bewohner der Grauen Stadt. Was konnte das zu bedeuten haben?
Plötzlich hörte sie schwere Schritte von links kommen. Garrow, der Betreiber der Nebelklause, bog um die Ecke.
»Garrow«, sagte der Fremde. Er hielt die Lampe hoch. »Hier scheint sich jemand herumzutreiben.«
Sie konnte das Schnaufen des Wirts hören, dann folgte Stille.
»Das ist eine unserer Lampen von drinnen. Vermutlich hat unser Cleaner die mit rausgenommen und vergessen.«
Myra verbot es sich, erleichtert aufzuatmen.
»Komm rein«, brummte Garrow, dann ertönte das Surren der Tür, als er sie mit seinem Armband öffnete. Er brauchte keinen Schlüssel so wie Myra, da er im Gegensatz zu ihr offiziell befugt war, die Nebelklause mit seinem Kennungsarmband zu betreten.
Die Dielen im Innenraum des hellhörigen Gebäudes knarzten unter dem Gewicht des schweren Mannes. Der Fremde jedoch verharrte an Ort und Stelle. Myras Nackenhaare stellten sich auf. Sie wagte es nicht, sich zu bewegen, um einen Blick in Richtung Hintertür zu werfen.
»Ich weiß, dass du da bist. Das nächste Mal unterhalten wir zwei uns.«
Sie erschauderte bei dem tiefen Grollen seiner Stimme. Die Drohung hing für einen Moment in der Luft. Dann schloss sich die Tür endlich und das vertraute Geräusch des Verriegelungsmechanismus erklang.
Mit klopfendem Herzen schälte sich Myra aus dem Schatten und huschte davon.
Kapitel 2
Die unheimliche Beinahebegegnung ging ihr auf dem Weg zum Bunker nicht aus dem Kopf. Immer wieder fühlte sie ein Flattern im Magen und musste innehalten, ihre Atmung beruhigen, um nicht zittrig zu werden.
Als sie sich schließlich auf der Hauptstraße in den Strom der Cleaner einreihte, die ebenfalls auf dem Weg zur Schicht waren, ballte sie ihre Hände zu Fäusten, um das Beben zu unterdrücken. Ein, zwei Graue, wie alle Mitglieder der untersten Fraktionen in der Stadt umgangssprachlich genannt wurden, schienen ihr mehr Aufmerksamkeit als üblich zu schenken. Doch diese Momente waren schnell vorbei und jeder ging seinem Tagwerk entgegen. Keiner sagte etwas, denn Unterhaltungen waren nicht erwünscht.
Unauffällig behielt Myra die Overalls um sich herum im Auge. Es war möglich, dass auch SECs auf dem Weg zum Bunker waren, die gewaltbereiten Mitglieder der Fraktion Security. Deren Uniform hob sich deutlich von den Einteilern der Cleaner oder auch anderer Grauer ab, die in den umliegenden Industriegebäuden tätig waren.
Gemeinsam bog der Tross auf die Hauptstraße ein, die direkt auf das gusseiserne Tor des Bunkervorplatzes zuführte. Die große Freifläche war von einem mit Stacheldraht gespickten Zaun umgeben und trennte die Wohnquartiere und Zweckbauten vom Bauwerk im Stadtzentrum: dem Bunker.
Als sich ein alter Geländewagen vorbeischob, senkte Myra ihren Kopf noch tiefer. Nur SECs oder Mitglieder der Obrigkeit durften Autos nutzen, und sie wollte keine Aufmerksamkeit erregen.
In den wenigen Minuten, die es dauerte, den Vorplatz zu überqueren, ließ Myra aus Gewohnheit den Blick über das vertraute Gebäude wandern. Groß, flach und grau ragte es empor, umsäumt von Kies und Pflastersteinen, zwischen denen zahlreiche platt getretene Grashalme und verblühte Löwenzahnpflanzen wuchsen.
Der torbogenähnliche Eingangsbereich wurde von einem Scanner dominiert, vor dem sich bereits eine Schlange gebildet hatte. Sie hörte das wiederkehrende Piepsen jedes Mal, wenn das Armband, welches jeder von ihnen am linken Handgelenk trug, über die Scanfläche gezogen wurde. Ein Strichcode und ihre Kennung, die aus der Fraktions-Bezeichnung und einer spezifischen Nummer bestand, waren in den harten Kunststoff eingestanzt.
CLN-0038129. Das war Myras Kennung, die sie bei Zuteilung zur Cleaner-Fraktion mit 14 Jahren erhalten hatte. Mit ihrem Namen war sie seither nie wieder angesprochen worden.
Sie hob den Kopf und betrachtete das gigantische Kubussymbol an der Gebäudewand vor ihr, ein in Stein gehauenes Ebenbild jener Boxen, die sie in ihrer Schicht gleich reinigen würde. Genauso wie gestern und auch morgen. Jeden einzelnen Tag, für den Rest ihres Lebens.
Eine wohlbekannte Schwere legte sich auf ihren Brustkorb. Lange ausatmend tat Myra es ihrem Vordermann gleich und sah zu Boden. Die Atmosphäre am Eingangsbereich des Bunkers war gespenstisch ruhig trotz der vielen Hundert Menschen, die zum Schichtdienst angetreten waren.
Je näher sie dem Gebäude kam, desto lauter vernahm sie jene Geräusche, die sich wohl auf ewig in ihr Gedächtnis eingeprägt hatten.
Peitschenhiebe.
Ein erfolglos unterdrückter Schrei.
Übelkeit stieg in Myra hoch, gefolgt von einer Hitze, die sie hastig zu verdrängen versuchte.
Nicht hier, nicht jetzt.
Sie musste die Kontrolle behalten. Atmen.
Erneut vernahm sie das Schluchzen. Sie lugte um ihren Vordermann herum und erfasste die Situation sogleich.
Zora.
Ihre Vorarbeiterin hatte offensichtlich wieder ein Opfer gefunden. Zitternd stand ein junges Mädchen an der gleichen Stelle, an der auch Myra gestanden hatte, als sie damals ausgepeitscht worden war. Ein Geländer, nur knapp zwei Meter neben dem Scanner, im Sichtfeld aller, die vorbeigehen mussten. Der Overall der Grauen war zerrissen und hing in Fetzen von ihrem Oberkörper herab.
Wuchtige Hiebe einer ledernen Peitsche sausten auf ihren Rücken nieder und Myra sah, wie das Mädchen immer weiter in die Knie sank. Tränen rannen ihr über die Wangen. War das lediglich eine körperliche Reaktion auf die Gewalt? Oder empfand sie mehr als das?
Myra leckte sich über die trockenen Lippen. Wenn dieses Mädchen verseucht war, wenn es im Gegensatz zu all den Grauen um sie herum tatsächlich Emotionen empfinden konnte, war sie wie Myra: eine Anomalie im System.
Mit klopfendem Herzen zog sie ihren Kopf zurück, bevor jemand ihr auffälliges Starren bemerken konnte. Doch auch die patrouillierenden Wachen waren von dem Spektakel abgelenkt. Die vorbeiziehenden Cleaner sahen weg, hielten den Blick gesenkt, zeigten keinerlei Regung.
Wie auch? Immerhin waren sie alle direkt nach der Geburt ihrer Emotionen beraubt worden. Verstummung, wie dieses Verfahren genannt wurde. Zurück blieben jene, die als Graue bezeichnet wurden.
Die Schreie des Mädchens wurden leiser, während die Peitsche immer wieder auf sie niederging. Mit jedem Wimmern schien eine glühende Klaue fester und fester Myras Brust zu umklammern. Hitze sammelte sich in ihrem Bauchraum, eine wohlbekannte Empfindung, die sie krampfhaft mit in die Länge gezogenen Atemzügen einzudämmen versuchte.
Sie durfte nicht zeigen, was in ihr steckte, durfte nicht offenbaren, was sie wirklich von den anderen Grauen unterschied. Denn an jenem Tag, an dem sie hier ausgepeitscht worden war, hatte sie nicht nur vergessen, eine defekte Box zu melden. Nein, sie hatte etwas erhalten, was sie nie hätte haben dürfen, und musste seither ihre Andersartigkeit um ihres Lebens willen verbergen. Die schwieligen Narben auf ihrem Rücken waren ein ewiges Mahnmal dafür, was für sie auf dem Spiel stand.
Sie nahm all ihre Selbstbeherrschung zusammen und zwang ihren Körper in die gewohnte devote Haltung einer vorbildlichen Grauen, obwohl die Hitze in ihrem Inneren überzubrodeln drohte.
Als sie einige Augenblicke später endlich das Mädchen passierte, lag es reglos auf dem Boden. Ihr Rücken war eine blutige Masse, was die Vorarbeiterin nicht daran hinderte, den geschundenen Leib weiter zu malträtieren. Mit aufgerissenen Augen und einem schiefen Grinsen im Gesicht ließ sie immer wieder ihre dicke Peitsche auf den wehrlosen Körper niedersausen. Myra spürte, wie etwas Nasses auf ihre herunterhängende Hand spritzte. Gerade noch konnte sie verhindern, angeekelt zurückzuzucken, und lief so gleichgültig weiter, wie sie es vortäuschen konnte.
Sie scannte ihr Armband und folgte den anderen Cleanern ihrer Schicht bis zum Aufzug am gegenüberliegenden Ende der Eingangshalle. Die Kabine war beinahe voll, sodass sie sich nur noch direkt an der Tür hineinquetschen und umdrehen konnte. Unweigerlich sah sie zu dem Mädchen, dessen Kopf auf der Seite lag, die Augen offen, reglos.
Der Tod hatte sie endlich erlöst.
Zora stand neben der Leiche, mit dem Rücken zu Myra. Gleich würde der Aufzug sich schließen, um sie zu ihrer Schicht in die Tiefen des Bunkers zu transportieren. Nur noch einen kurzen Moment musste sie sich beherrschen.
Doch die Kraft in Myras Inneren brandete auf, schlug mit voller Wucht um sich, wollte einen Weg nach draußen finden, sich entladen, zerstören. Gegen jede Vernunft wünschte sich Myra, sich einmal nicht beherrschen zu müssen, einmal loslassen zu können und die grausame Frau zu bestrafen. Nur ein einziges Mal sollte sie ihre eigene Medizin zu schmecken bekommen, sollte erfahren, was sie anderen unzählige Male angetan hatte.
Trotz ihrer Bemühungen wurde Myras Atem schneller, der Druck in ihrem Inneren staute sich auf, ihre Fingernägel bohrten sich in ihre Handballen, bis sie schließlich nicht mehr gegenhalten konnte.
Ein glühender Schmerz schoss durch ihren Körper, wanderte rasend schnell aus ihrem Zentrum hinauf in ihre Handfläche. Und anstatt wie sonst ihre Faust um Kontrolle ringend zusammenzupressen, riss Myra ihre Hand hoch und richtete sie auf die Vorarbeiterin. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte ein Licht auf, so schnell, dass es auch das übliche Flackern der Lampen über ihnen hätte sein können. Köpfe drehten sich zu ihr um, doch sie starrte nur zu Zora. Das dumpfe Knacken von brechenden Knochen erklang durch die ansonsten totenstille Halle, gefolgt von einem Schmerzensschrei. Das Letzte, was Myra durch die sich schließenden Aufzugtüren sah, war, wie Zora zu Boden ging.
Das Surren des Fahrstuhls konnte ihren hektischen Atem nicht übertönen. Eine Frau neben ihr starrte sie an, kurz zeigte sich Unverständnis auf ihrem eingefallenen Gesicht. Wie Myra und all die anderen Cleaner trug sie einen grauen Dienstoverall, der viel zu locker an ihrem dünnen Leib hing. Angespannt wich Myra ihrem Blick aus.
Scheiße. Was ist hier gerade passiert?
Sie hatte nicht nur die Kontrolle verloren. Zum ersten Mal hatte sie die Kraft, die sie um alles in der Welt verheimlichen musste, mit voller Absicht gegen einen Menschen eingesetzt. Hatte den Widerstand gegen sich selbst aufgegeben, auch wenn es nur ein winzig kleiner Moment gewesen war. Genug, um das Ende ihres Lebens bedeuten zu können, sollte Zora jemals herausfinden, was wirklich passiert war.
Ihr Nacken kribbelte angesichts der Sicherheitskamera, die an der Rückwand des Fahrstuhls angebracht war. Wie viel von Myras Angriff hatte sie aufgenommen?
Kapitel 3
Ihr Atem ging hektisch, als sie versuchte, ihren Kopf hochzureißen. Da waren Gespräche, Geräusche, doch es drang nichts zu ihr durch. Sie schlurfte weiter, starrte auf den Boden, ging dem Bunker entgegen, der sich dunkel vor ihr auftat. Irgendwo in ihr versuchte ein Licht an die Oberfläche zu gelangen, welches eigentlich zum Schweigen verdammt war.
Die Szene wechselte und plötzlich hielt Myra wieder jene Box in der Hand. Sie ließ sie los, als hätte sie sich daran verbrannt. Die letzten Schimmer des glühenden Lichtes, das sich gerade durch den Riss im Metall gewunden und in ihre Brust versenkt hatte, erhellten unendliche Regalreihen.
Dann waren da Peitschenhiebe und sengende Schmerzen.
Die Ohnmacht zupfte an ihrem Bewusstsein, doch einzig die kreischende Stimme ihrer Mutter, die plötzlich neben ihr stand, hielt sie im Hier und Jetzt.
»Du musst dich beherrschen, unterdrücke es, vergrabe es tief in deinem Inneren!«
Bunker, Box, Peitsche und Schreie, alles verschwamm zu einem strudelnden Wirbel aus Bildern, Geräuschen und Farben. Sie wurde hinabgezogen, zappelte, wollte weg, doch konnte sich nicht lösen, kam einfach nicht von der Stelle …
Ohrenbetäubend schrillte der Alarmton durch Myras Quartier. Zweimal lang, zweimal kurz, dreimal lang. Keuchend schoss sie auf ihrer Pritsche nach oben.
Ein Teil von ihr konnte sich noch nicht aus dem intensiven Traum lösen, doch ein anderer erkannte sofort, wofür die Sirene stand: Alle Mitglieder der Security-Fraktion wurden zum Bunkerplatz gerufen. Der Lautsprecher neben ihrer Tür sorgte genauso wie in allen anderen Quartieren der Grauen Stadt dafür, dass jeder der gut fünftausend Grauen wusste, dass es einen Vorfall gegeben hatte.
Einen Vorfall …
Myra fröstelte, als die Bilder ihres wirren Traums sich ihr aufdrängten. Die Erinnerung an die Zeit als Verstummte, die ewig gleichen, grauen Tage kamen wieder hoch. Dann die Box, jene mit Riss, die sie vor 15 Jahren in der Hand gehalten hatte. Das Licht, das nun in ihrem Inneren lebte, um dessen Kontrolle sie in jedem Moment des Tages kämpfen musste, war aus dieser Box gekommen. Gemeinsam mit Emotionen, die ihr durch die Verstummung erspart geblieben waren.
Erneut brachte das laute Schrillen ihre Ohren zum Klingeln und zog ihre Aufmerksamkeit vollständig zurück in das Hier und Jetzt.
Vor einigen Jahren, als sie diese Sirene das letzte Mal gehört hatte, war ein Grauer auf der Flucht gewesen. Ihm war die Verseuchung unterstellt worden. Es schien, als ob manche Verstummungen nicht ausreichend waren, sodass immer wieder junge Erwachsene Symptome von Emotionen zeigten. Sie wurden erbarmungslos gejagt und verschwanden für immer von der Bildfläche.
Von einem Licht, wie Myra es in sich trug, hatte sie allerdings noch nie gehört.
Was geschah nun heute Nacht? Waren die SECs nach einem Verseuchten auf der Suche? Oder, und Myra konnte das aufwallende Licht in ihrem Inneren kaum zurückhalten bei diesem Gedanken, suchten sie nun doch nach ihr?
Nein, entschied sie. In dem Fall wären sie still und leise in ihr Quartier eingedrungen und hätten sie mitgenommen. Das entsprach der üblichen Vorgehensweise der SECs, um Fluchtmöglichkeiten zu unterbinden.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie bald losmusste, wenn sie um vier Uhr morgens ihren Dienst in der Nebelklause antreten wollte.
Mit der gesteigerten SEC-Aktivität auf den Straßen war der Weg für sie mehr als nur gefährlich. Sie benötigte ungefähr dreißig Minuten dorthin, wenn sie sich gründlich vor den Überwachungskameras verstecken wollte. Ihr Quartier war in der Sektion Nordwest und sie musste die Hauptstraße überqueren, um das Lokal zu erreichen. Unter normalen Umständen war bereits mit Patrouillen zu rechnen. Jetzt gerade war das Risiko durch die SECs mit Sicherheit um ein Vielfaches größer.
Sie durfte weder in der nächtlichen Ausgangssperre draußen erwischt werden noch ihre Nebentätigkeit in der Nebelklause preisgeben. Es war ihr wie allen anderen Cleanern nicht erlaubt, zusätzlicher Arbeit nachzugehen. Ihr voller Fokus sollte auf der Pflege der Boxen liegen, die offenbar von unfassbarer Wichtigkeit für die Stille Ordnung waren.
Unsicher stand Myra auf und begann, sich fertig zu machen. Aus dem Spiegel blickten ihr ein blasses, eingefallenes Gesicht und zwei große, grüne Augen entgegen. Ihre Schlüsselbeine stachen über dem weiten Kragen des Overalls hervor. Sie flocht ihre braunen Haare, die sie optisch von den meisten Grauen unterschieden, zu einem engen Zopf. Die Mehrheit der Cleaner ging zu den regelmäßigen Rasurterminen. Für Myra hingegen waren die langen Haare schon immer der einzige Punkt in ihrem Leben gewesen, über den sie frei entscheiden konnte. Und auch wenn sie ansonsten alles daransetzte, unauffällig zu bleiben, so konnte sie die Haare einfach nicht abschneiden. Ein unvernünftiges Risiko, das bereits dazu geführt hatte, dass sie Zora im Gedächtnis blieb.
Rasch wusch sie sich und schlüpfte in ihre Uniform, bevor sie zögernd vor der Tür innehielt. Es war bereits halb vier, sie musste los. Aber würde sie den SECs womöglich direkt in die Arme laufen?
Ein Blick in ihren Schrank nahm ihr die Entscheidung ab. Sie hatte keine Sticks mehr übrig und würde zwangsläufig bis nach ihrer Schicht im Bunker ohne Mahlzeit auskommen müssen. Essen war währenddessen verboten und trinken konnte sie lediglich während der einen erlaubten Toilettenpause. Doch würde sie heute ihre zwei Sticks erhalten, wo die Obrigkeit sicherlich auf Hetzjagd nach dem Angreifer war? Rationsentzug war ein beliebtes Mittel der Bestrafung.
Myras ohnehin knurrender Magen gab den letzten Anstoß. Sie löschte das gasbetriebene Licht neben ihrer Tür, verbarg ihren Zopf unter dem Kragen ihres Cleaner-Overalls und schlüpfte lautlos hinaus. Da sie im Erdgeschoss des zweistöckigen Blocks lebte, stand sie direkt in der Sackgasse, an deren Ende sich ihr Gebäude befand. Von Hauswand zu Hauswand schleichend machte sie sich auf den Weg zur nächsten größeren Straße, bemüht, dem heruntergefallenen Putz auszuweichen. Sie fürchtete, Aufmerksamkeit zu erregen, sollte das Material laut knirschend unter ihren Schuhen zerbröckeln.
Die Luft war kühl, das dritte Quartal des Jahres war beinahe vorüber und die ersten Vorläufer des Herbstes brachten Wind und Regen mit. Wolken und Nebel verhüllten das Mondlicht. Myra bevorzugte diese Bedingungen, da sie sich so ungesehen durch die Stadt schleichen konnte.
An jeder Ecke hielt sie an, horchte auf mögliche Geräusche, bevor sie einen Blick wagte. Zweimal musste sie sich vor vorbeieilenden SECs verstecken, bis schließlich das unscheinbare Lokal vor ihr auftauchte. Gegenüber dem Vordereingang befand sich ein Wohnblock, ansonsten grenzten nur zwei alte, selten genutzte Industriehallen an das Gasthaus an. Alles wirkte dunkel und ruhig, und so wagte sich Myra auf den letzten Teil ihres Weges – einen Trampelpfad entlang des Gasthauses. Wie üblich fand sie den Schlüssel unter dem Blechschild bei den Mülltonnen. Als sich endlich die Tür hinter ihr schloss, atmete sie zum ersten Mal, seit sie ihr Quartier verlassen hatte, tief durch.
Der vertraute, wenn auch nicht übermäßig angenehme Geruch nach Küche und stickiger Luft beruhigte sie, denn hier war sie bisher immer für sich und in Sicherheit gewesen. Keine Vorarbeiterin, keine Schläge, kein Risiko, dass ein versehentliches Schimmern ihrer Fingerspitzen jemandem auffallen könnte. Nur stärkere Lichtquellen würden durch die verhangenen Fenster dringen und könnten sie verraten. Es war eine wackelige Sicherheit, aber mehr konnte die Graue Stadt ihr nicht bieten.
Sie hängte ihre Jacke an den Haken und machte sich an die Arbeit. Nachdem sie die Toiletten gereinigt hatte, lief sie in den Schankraum. Gerade als sie mit dem gedämpften Licht um die Ecke der Theke bog, wo sie auch ihren Lohn finden würde, setzte ihr Herz einen Schlag aus. Wie angewurzelt blieb sie stehen. Vor ihr, nur wenige Tische entfernt direkt vor einem Fenster, saß jemand. Die Gestalt hatte den Stuhl in ihre Richtung gedreht und stützte sich mit dem Ellenbogen auf dem Tisch auf. Im Halbdunkel konnte Myra unter der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze nicht viel erkennen, doch die breite Statur ließ auf einen Mann schließen.
Es stolperte in Myras Brust, bevor ihr Herzschlag erneut Fahrt aufnahm. Zögernd ging sie ein, zwei Schritte zurück. Noch nie war jemand außer ihr hier gewesen. Garrow selbst kam meist um kurz vor sechs her, um mit den täglichen Vorbereitungen zu beginnen, sodass sie sich sporadisch über den Weg liefen. Ansonsten war das Gasthaus nachts leer. Und dieser Mann war definitiv nicht Garrow.
»Entschuldigung«, brachte sie leise hervor. »Ich wusste nicht, dass hier noch jemand ist.«
Und hier sollte auch niemand sein! Um zwanzig Uhr schloss Garrow für gewöhnlich ab.
Die Gestalt bewegte sich nicht. Schlief er? Sollte sie zu ihm hinübergehen?
Nein, auf gar keinen Fall.
»Du hast mich gestern gesehen«, erklang da eine leise, eindeutig männliche Stimme aus der Dunkelheit, die sein Gesicht verhüllte.
Myra, die sich gerade hatte umwenden wollen, erstarrte. Sie fühlte jedes einzelne ihrer Nackenhaare, als sie sich aufstellten. Sein rauer und tiefer Tonfall ließ sie unwillkürlich erschaudern.
Die Situation überforderte sie. Nie war sie allein mit einem Mann in einem Raum gewesen, wurde das Sozialleben der Grauen doch stark beschränkt. Zum Zwecke der Reproduktion ausgewählte Frauen, zu denen Myra nicht gehörte, wurden künstlich befruchtet. Nähe und Fortpflanzung, wie sie in den Zeiten vor der Gründung der Grauen Stadt üblich gewesen waren, gab es nicht mehr. So war es Myra als Heranwachsende gelehrt worden.
Und warum reagierte ihr Körper so auf die Stimme einer Person? Das war ihr noch nie passiert. Davon abgesehen, was meinte er damit, sie hätte ihn gesehen?
Als er von seinem Stuhl aufstand und sich aufrichtete, riss die Erkenntnis sie aus ihren Grübeleien.
Er hatte recht. Vor ihr stand der Fremde, der gestern durch die Mauer gekommen war.
Seine Ankündigung, sie würden sich noch unterhalten, kam ihr wieder in den Sinn.
Myra reagierte, ohne darüber nachzudenken. Sie ließ die Lampe zu Boden fallen, drehte sich um und rannte Richtung Hinterausgang. Warum war sie nicht gleich gegangen, sobald sie ihn entdeckt hatte?
Wie immer, wenn ihr Herz in einer bedrohlichen Situation raste, hörte sie die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf: Du darfst nicht auffallen.
Gerade als sie die rechte Hand zur Tür des Schankraums ausstreckte, die auf den Flur zum Hintereingang hinausführte, wurde sie an ihrem anderen Arm festgehalten. Der Mann drehte sie herum und ließ sie los.
Eine Strähne hatte sich aus ihrem ordentlichen Zopf gelöst und baumelte nervtötend in ihrem Blickfeld. Sie hob ihre zitternden Hände.
»Bitte, ich habe nichts gesehen. Ich werde niemandem etwas sagen.« Das entsprach der Wahrheit. Sie durfte hier schließlich selbst nicht erwischt werden.
Unheilvoll wurde der Druck in ihrem Magen größer. Hitze breitete sich in ihr aus, kündigte das Licht an, bevor es an die Oberfläche quoll.
Mit langsamen Bewegungen, die Myra beinahe aufschreien ließen, so angespannt war sie, nahm er eine kleine Lampe aus seiner Manteltasche, schaltete sie an und stellte sie auf den nächsten Tisch. Sie starrte hoch, dorthin, wo sie seine Augen vermutete, doch der Lichtschein reichte nur, um sein markantes Kinn und die dunklen Bartstoppeln zu offenbaren.
»Gut zu wissen«, knurrte er und machte einen Schritt auf sie zu. Entsetzt wich sie zurück. Ihr Rücken stieß gegen die Tür, durch die sie gerade noch hatte fliehen wollen.
Da begannen ihre Fingerspitzen sanft zu leuchten.
»Nein«, keuchte sie leise und ballte die Hände zu Fäusten.
Nicht hier, nicht jetzt.
Doch es war zu spät. Er stand direkt vor ihr, regungslos, sah hinunter zu ihrem Licht. Bebend sank sie zu Boden. Immer mehr der silbern glänzenden Kraft drang aus ihren Händen, tropfte wie Wasser von ihren Fingerspitzen. Der Geruch von verbranntem Holz holte die Erinnerungen an den Esstisch ihrer Mutter hervor, die ihr mit einem Stock auf die glühenden Finger geschlagen hatte.
Reiß dich zusammen. Du musst dich kontrollieren, hörte Myra die gezischten Worte in ihrem Kopf und wiederholte sie laut. Obwohl ihre verstorbene Mutter eine Graue gewesen war, reagierte sie ungewöhnlich stark auf das Licht. Myra hatte nie herausgefunden, ob sie vielleicht auch verseucht gewesen war.
Während sie die Worte wiederholte, sich daran klammerte, als seien sie ein Rettungsanker, vergaß sie fast den Mann, der nun ihr größtes Geheimnis kannte.
Was würde jetzt aus ihr werden? Würde er sie melden? Allein der Gedanke daran ließ ihren Puls hochgehen und das Licht erneut aufflammen, also verdrängte sie es so gut wie möglich. Sie presste die Augen zusammen und klammerte sich ganz an ihr Mantra.
»Reiß dich zusammen. Du musst dich kontrollieren«, murmelte sie.
Endlich ließ der Druck nach, ihre Kehle wurde frei, ihre Atmung gleichmäßiger und sie traute sich, die Augen zu öffnen.
Der Raum war leer.
»Was …?« Verwirrt blickte sie sich um. Nichts.
Er war nirgends zu sehen.
Sie war allein.
Kapitel 4
Die darauffolgenden Arbeitstage verliefen, entgegen Myras Erwartung, ereignislos. Niemand aus ihrer Arbeitsgruppe schien zu Befragungen eingezogen worden zu sein. Obwohl soziale Interaktion so gering wie möglich gehalten wurde, wurden bei der täglichen Toilettenpause dennoch gemurmelte Neuigkeiten ausgetauscht. Besonders wenn ihresgleichen plötzlich abgeführt wurde, machte das selbst unter den sonst so gleichgültigen Verstummten die Runde.
Trotz der vermeintlichen Ruhe blieb Myra wachsam. Hätte man bei den Aufzeichnungen der Kamera im Aufzug etwas Konkretes sehen können, wäre sie bereits abgeführt worden. Dennoch traute sie ihrem Glück noch nicht und dachte häufig an den Mann, der sie und ihre unerklärliche Kraft in der Nebelklause bezeugt hatte.
Eigentlich sollte es doch nur eine Frage der Zeit sein, bis er sie der Stillen Ordnung meldete, oder?
In der siebten Nacht, nachdem sie Zora die Beine gebrochen hatte, weckte das leise Knarzen der Türklinke Myra aus ihrem unruhigen Schlaf. Sie war augenblicklich hellwach, rührte sich jedoch nicht und lauschte in die Dunkelheit. War da jemand? Gerade als sie nach ihrer Lampe greifen wollte, spürte sie einen feuchten Lappen im Gesicht. Bevor sie einen klaren Gedanken fassen konnte, verlor sie das Bewusstsein.
Sie erwachte in einem hellen Raum. Blinzelnd sah sie sich um, nahm die Szenerie in sich auf, während ihr Herzschlag beschleunigte. Die Wände waren bröckelig und heruntergekommen, hatten keine Fenster und es roch modrig. Lediglich die riesige baumelnde Lampe tauchte alles in gleißendes Licht. Sie saß am Boden, ihre Hände waren vor ihr gefesselt. Eine lange Kette führte von ihren Handgelenken nach oben zur Decke durch einen schweren Ring und war links von ihr an einem Haken an der Wand befestigt. Außerhalb ihrer Reichweite.
Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie versuchte zu rekonstruieren, was passiert war, und kam nur zu einem Schluss: Die SECs mussten sie geholt haben.
Kontrolle, erinnerte sie sich im Stillen. Sie durfte ihnen nicht zeigen, was in ihr steckte, sonst wäre es sofort vorbei. Irgendwo in ihrem erschöpften Kopf meldete sich eine leise Stimme, die fragte, ob das denn wirklich so schlimm wäre.
Sie war müde. So unendlich müde.
Da ging die Tür ihr gegenüber auf und Myra erkannte mit stockendem Atem ihre Vorarbeiterin. Verhöre wurden von SECs durchgeführt, was also machte Zora hier?
Die Augenbrauen der schwarzhaarigen Frau waren so weit zusammengezogen, dass eine steile Falte ihre Stirn zweiteilte. Mit dunklem Blick bedachte sie ihre Gefangene, trat überraschenderweise ohne jegliches Humpeln herein und ließ die Tür krachend ins Schloss fallen. Myra schluckte. Die modernen medizinischen Techniken waren den oberen Rängen vorbehalten, doch sie hatte bereits davon gehört, dass es Möglichkeiten gab, Heilungsprozesse zu beschleunigen.
»CLN-0038129«, sagte die Vorarbeiterin scharf. Mit wenigen Schritten hatte sie den Raum durchquert und stand nun nah vor Myra, musterte sie von oben herab. »Du bist hier zur Befragung bezüglich des Angriffs auf mich vor einigen Tagen.« Zora zeigte auf ihre mittlerweile wieder unverletzten Beine und behielt Myra dabei scharf im Auge. So teilnahmslos wie nur möglich erwiderte diese den Blick, versagte sich jedes Blinzeln.
»Du weißt, wovon ich spreche?«
Myra nickte.
Zora kniete sich vor ihr nieder. Sie leckte sich die spröden Lippen, ihr Blick war fokussiert. »Dann sag mir, wo du zum Zeitpunkt des Vorfalls warst.«
»Im Aufzug, Vorarbeiterin.«
Zoras dunkle Pupillen weiteten sich trotz des hellen Lichts und erinnerten Myra an einen Bildungsfilm über die Tierwelt, den sie als Heranwachsende gesehen hatte. Er handelte von großen Katzen, die jenseits der Mauern lebten und jeden und alles zerfleischten, was ihnen in die Quere kam. Angespannt wehrte sich Myra gegen den Drang, zurückzuweichen.
»Dann hast du es gesehen?«
»Ich habe beobachtet, wie die Graue bestraft wurde, Vorarbeiterin. Dann schlossen sich die Türen des Aufzugs.«
Zora schnaubte. »Auf dem Video sieht man, wie du den Arm hochnimmst, kurz bevor ein Flackern die Aufzeichnung stört. Was hast du dazu zu sagen?«
»Nichts, Vorarbeiterin.« Myra zwang sich zur ruhigen Atmung. Ein und aus, ein und aus. Dennoch zuckte sie zusammen, als der Schlagstock unvermittelt vor ihr auf den Boden knallte. Dann stand Zora auf, um sich drohend über sie zu beugen.
Ruhig bleiben, sagte Myra sich selbst. Ihr Herz schien viel zu stark gegen ihre Rippen zu schlagen. Unter Aufbietung all ihrer Selbstbeherrschung ließ sie ihren Blick langsam zu ihrer Peinigerin hinaufgleiten, darum bemüht, die typische Langsamkeit der Grauen zu imitieren. Zora hingegen sah die Geste wohl als Provokation an, denn mit einem Ruck griff sie in Myras Haare und riss ihren Kopf nach hinten.
»Jetzt hör mal zu, Cleaner.« Sie spuckte das Wort förmlich aus. Myra spürte die Tropfen auf ihrem Gesicht. »Ich weiß ganz genau, dass mit dir etwas nicht stimmt. Und nur weil ich es nicht beweisen kann, heißt das nicht, dass du vor mir sicher bist. Wenn du dir also unnötiges Leid ersparen willst, sag mir, wie du das gemacht hast.«
Myras Haaransatz schmerzte, ihr Genick schrie, aber die Kraft in ihrem Inneren blieb wundersamerweise, wo sie hingehörte. Sie sah der Vorarbeiterin mit aller Ruhe und Teilnahmslosigkeit, die sie aufbringen konnte, in die schwarzen Augen. Die kurzen, ebenso dunklen Haare hoben sich drastisch von ihrem blassen, glatten Gesicht ab. Zora konnte kaum älter sein als sie selbst.
»Ich habe nichts gemacht, Vorarbeiterin. Ich bin meiner Arbeit nachgegangen wie jeden Tag. Auf dem Video habe ich vermutlich gezuckt, weil ich mich an das Auspeitschen erinnert habe. Das ist alles.«
Schmerzen empfinden konnten alle Grauen. Einen kommenden Schmerz befürchten konnte jedoch nur Myra. Ein Resultat der Emotionen, die sie gemeinsam mit dem Licht aus der Box erhalten hatte.
Zoras Ausdruck wurde noch härter, falls das überhaupt möglich war. »Du missverstehst die Situation, Cleaner. Du kommst hier nicht raus, bis du mir die Wahrheit sagst. Die Wahrheit über dich.«
Kälte machte sich in Myra breit. Ihr Mund wurde staubtrocken, als eine böse Vorahnung sie überfiel.
Zora grinste sie an, griff nach hinten und zog etwas aus ihrem Hosenbund: eine dicke, schwere Lederpeitsche.
Die nächsten Tage verschwammen in einem Strudel aus Schmerzen und Schreien. Immer wieder wurde sie an der Kette hochgezogen, bis ihre Zehen kaum noch den Boden berührten, und ausgepeitscht. Es gab kein Entkommen. Unerbittlich zischte die Peitsche auf ihre Rückseite hinab. Zora schrie sie an, verlangte Antworten, die Myra jedoch um alles in der Welt in ihrem Inneren verbergen wollte. Noch nie war sie so kurz vor der Entdeckung gewesen, noch nie war die Situation so ausweglos erschienen. Ihr schwanden die Kräfte, ihre Sicht trübte sich, doch ein letzter Funken Lebenswille verhalf ihr, das Licht in sich zu behalten.
Myra hatte bereits jegliches Zeitgefühl verloren, als das Interesse der Vorarbeiterin an ihr schließlich abnahm. Sie ließ ihre Gefangene allein, hängend, blutend, dem Tode näher als dem Leben. Bei ausgeschaltetem Licht war es stockfinster in ihrem Gefängnis und dankenswerterweise erlöste sie die Ohnmacht immer wieder von ihrer Qual.
Irgendwann registrierte sie durch ihren von Schmerzen umwölkten Verstand, dass sich die Tür zu ihrer Zelle öffnete. War Zora zurück?
Das gleißend helle Licht wurde wieder eingeschaltet. Jemand trat an sie heran, löste ihre Ketten, ließ sie zu Boden gleiten. Sie kam auf dem Bauch zum Liegen, ihre Arme wurden angewinkelt neben ihrem Kopf drapiert, ihre Wange beinahe sanft auf den kalten Steinboden gelegt. Die Bewegung schmerzte nicht nur in ihren Schultern, die viel zu lange in der unnatürlich hängenden Position verharrt hatten, sondern löste auch brennende Wellen der Pein in ihrem geschundenen Rücken aus.
Myra wehrte sich nicht. Selbst das Licht in ihrem Inneren schwieg, hatte sich zurückgezogen und war kaum noch fühlbar irgendwo am äußersten Zipfel ihres Bewusstseins.
»Ich gebe dir etwas gegen die Schmerzen«, raunte eine tiefe Stimme neben ihr.
Ihr Atem stockte und für einen Wimpernschlag stand sie dem fremden Mann in der Nebelklause gegenüber. Der Moment verging ebenso schnell, wie er gekommen war, und gerade als sie ihren Kopf drehen und die Augen öffnen wollte, wurde ihr unvermittelt in den Oberarm gestochen. Wieder keuchte sie auf, wollte sich wegwinden, hatte aber keine Kraft dazu. Beinahe sofort setzte die betäubende Wirkung ein. Erleichtert seufzte sie, als der Schmerz nachließ und sie ihren Körper binnen Sekunden kaum mehr spüren konnte.
Bevor Myra wegdämmerte, fühlte sie noch, wie ihr etwas unter die Zunge gelegt wurde. Feuchtigkeit benetzte ihren ausgedörrten Mund und bahnte sich einen Weg in ihren Körper. Verbreitete sich, erfüllte sie mit Leben. Dann versank die Welt in Gnade bringender Dunkelheit.
Kapitel 5
Der kleine Wecker neben ihrem Bett schrillte. Sofort war Myra wach.
Zeit für ihre Schicht in der Nebelklause wie jeden Tag.
Ohne nachzudenken, richtete sie sich auf, um ihre Beine aus dem Bett zu schwingen. Ein gleißender Schmerz zuckte durch ihren Rücken.
Sie erstarrte.
Eine Vielzahl an Bildern schoss an ihrem inneren Auge vorbei und fügte sich wie ein Puzzle zusammen: Zora. Das Verhör. Die Peitschenhiebe. Eine Stimme, die ihr bekannt vorkam. Dann Dunkelheit.
Zitternd tastete sie über ihre Schulter, bis sie den rauen Stoff eines Verbandes erfühlte. Auf wackeligen Beinen schlurfte sie zu ihrem Spiegel, ignorierte den beunruhigenden Anblick ihres abgemagerten Körpers und drehte sich um. Tatsächlich. Ihr Rücken wurde von einem Klebeverband bedeckt. Ihre Mutter hatte so eine Wundversorgung einmal nach einer Verbrennung erhalten. Sie würde sich von selbst lösen, wenn ihre Wunden verheilt waren.
Wie war sie zurück in ihr Quartier gekommen? Wo war sie gewesen? In den unterirdischen Verhörzellen, die dem Bunker angegliedert waren? Die Datumsanzeige ihres Weckers verriet ihr, dass noch Oktober war. Zwanzig Tage war sie weg gewesen. Zwanzig Tage hatte sie die Folter überlebt.
Aber warum war sie überhaupt wieder hier? Graue blieben für gewöhnlich verschwunden, oder?
Suchend sah sich Myra um und entdeckte einen Zettel auf dem Tisch. In einer sauberen, leicht zu lesenden Handschrift stand dort eine Botschaft geschrieben: Der Klebeverband wird deine Heilung beschleunigen, obwohl das durch die Stille Ordnung nicht genehmigt wurde. Nimm die Nahrungspads. Du musst sie einfach auf die Zunge legen.
Gehe wie gewohnt deiner Tätigkeit im Bunker nach und verhalte dich, als hättest du wesentlich stärkere Schmerzen. Zora wird dich im Auge behalten, also sei gewarnt. Fall nicht auf!
Morgen früh trittst du wieder in der Nebelklause an.
Morgen? Heute nicht?
Verwirrt drehte sie den Zettel um. Die Rückseite war leer. Als hätte sie irgendeinen Knopf gedrückt, begann das Papier, sich ohne ihr Zutun zusammenzuknüllen, weiter und weiter, bis nur noch ein unscheinbarer kleiner Krümel übrig blieb. Sie starrte erstaunt darauf. Wie war das möglich?
Neben der Stelle, an der der Zettel gelegen hatte, lagen zwei runde, braune Kapseln. Sie waren ungefähr so groß wie Kastanien, nur flacher und ebenmäßiger. Zögerlich nahm Myra eine in die Hand. Sie hatte eine glatte Oberfläche und ließ sich ein wenig zusammendrücken.
Waren das diese Nahrungspads, die in der Nachricht erwähnt wurden?
Langsam steckte sie eines davon in den Mund. Einen Augenblick später löste es sich auf und eine zähe, leicht bitter schmeckende Flüssigkeit rann ihre Kehle hinunter. Sie hustete einmal, schluckte, dann war ihr Mund leer.
Kurz darauf erfüllte sie eine Sättigung, wie sie sie durch die Stick-Suppe niemals erlebt hatte. Ihr Magen fühlte sich so gefüllt an, dass es beinahe unangenehm war. Dazu kehrte die Energie in ihren Körper zurück.
Unschlüssig blieb sie mitten in ihrem kleinen Raum stehen. Wer hatte sie versorgt und sogar herausgeholt? Zora hätte sie nie und nimmer am Leben gelassen.
Myra gab sich einen Ruck. Ihr Grübeln würde ihr keine Antworten liefern. Davon abgesehen musste sie zur Schicht.
Als das Tor zum Bunkerplatz bereits in Sichtweite war und Myra sich in die graue Schlange der Cleaner einreihte, schwirrten ihr all die Fragen noch im Kopf herum.
Ein Knoten bildete sich in ihrem Bauch, als sie ihr Armband Richtung Scanner ausstreckte. Das Gerät ließ sie passieren und die Wachen interessierten sich genauso wenig für sie wie vor der Folter durch Zora.
Verwirrt trat Myra ihre Schicht an, die ebenso ereignislos verlief, wie sie begonnen hatte.
Die Holzdielen am Hintereingang knarzten leise, als sie am nächsten Morgen die Nebelklause betrat. Sie wagte einen zaghaften Blick in den Schankraum. Ja, sie war allein. Der Druck auf ihrer Brust ließ nach. Erleichtert machte sie sich ans Werk.
Dass sie nach so langer Abwesenheit wieder herkommen konnte, wunderte sie. Garrow hatte sicherlich in der Zwischenzeit Ersatz für sie finden müssen. Was bedeutete es, dass sie ihren Job noch hatte? War er Teil ihrer Rettung gewesen?
Dass Garrow Graue anstellte, wurde toleriert, da sein Essensangebot auch für die oberen Ränge der Stillen Ordnung eine beliebte Ausnahme von der Norm darstellte. Während er sie also beschäftigen durfte, drohte Myra für die Annahme der Stelle Bestrafung. Fair war etwas anderes.
Bedeutete das auch, dass er sie aus den Fängen der Vorarbeiterin retten würde? Sie kannten sich kaum, warum sollte er das tun?
Als schließlich die letzten Putzutensilien aufgeräumt waren, ging sie zum Tresen und entnahm einer Box die dunkle Tüte mit ihrer Entlohnung. Garrow hatte die Abmachung noch nie gebrochen, dennoch warf sie aus Gewohnheit einen Blick hinein. Erstaunt drehte sie die Tüte auf den Kopf und eine Handvoll jener Pads, die sie von ihrem unbekannten Retter bekommen hatte, fielen auf den Tisch.
»Was zum …?«, murmelte sie.
Myras Rücken pochte nach der körperlichen Arbeit. Sie musste genesen und brauchte Energie. Also steckte sie sich ein Pad in den Mund. Den Rest verteilte sie gleichmäßig in ihre Taschen. Gerade als sie mit der kleinen Lampe in der Hand den Müllsack nehmen wollte, ließ ein Geräusch sie erstarren: Ein verräterisches Knarzen erklang vom Hintereingang. Die Tür wurde klickend ins Schloss geschoben, ruhige Schritte durchquerten den Flur.
Myra sah sich hastig um. Die verriegelten Fenster und der abgeschlossene Haupteingang boten keine Möglichkeit zur Flucht. Ob sie sich irgendwo verstecken konnte?
Beim Umdrehen blieb sie mit dem Ellenbogen an dem Stapel Speisekarten hängen. Sie klatschten zu Boden. Während sie noch hektisch versuchte, das Chaos zu beseitigen, betrat jemand den Schankraum. Kalt überlief es Myra. Die Karten glitten ihr aus den Händen und sie drehte sich zu dem Neuankömmling um. Die Lampe drückte sie vor ihren Bauch, als könnte sie ihr irgendeinen Schutz liefern.
Auch heute trug er die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Wenige Schritte vor ihr kam er zum Stehen. Im schwachen Licht erkannte sie, dass sein Bart länger als bei ihrer letzten Begegnung war, doch kurz genug, um seine geschwungenen Lippen preiszugeben. Seine Augen lagen im Schatten.
Ihre Musterung konnte nicht mehr als eine Sekunde gedauert haben, gleichwohl fiel ihr Blick ihm auf.
»Du siehst mein Gesicht?«, fragte er unvermittelt.
Erneut meinte sie, die Vibration seiner Stimme auf ihrer Haut zu spüren. Und mit dieser Empfindung kam eine Erkenntnis. Eine Reihe von verschwommenen Erinnerungen überrollte sie: Ketten, die sich lösten, ein piksender Schmerz, Schwärze.
Er … er hatte sie gerettet.
Zitternd hob sie die Lampe, bis der Lichtschein sein Gesicht vollständig ausleuchtete. Tiefbraune, rötlich wirkende Augen fixierten sie. Zwischen seinen zusammengezogenen Augenbrauen bildete sich eine steile Falte.
Myra schwieg, während sie ihre wirren Gedanken zu ordnen versuchte. Was war hier los? Wer war er? Warum hatte er sie gerettet? Und was sollte diese merkwürdige Frage? Natürlich konnte sie ihn sehen.
»Das ist wohl ein Ja«, brummte er.
Erneut löste seine Stimme ein Rieseln auf ihrer Haut aus, gemeinsam mit einer brennenden Spur auf ihrem verletzten Rücken. Sie ließ den Arm mit der Lampe sinken und zog schmerzerfüllt die Luft ein. Er streifte sich die Kapuze vom Kopf, was einen kurzen braunen Haarschopf enthüllte. Silbrige Strähnen an seiner Schläfe glitzerten im Schein der Lampe.
»Setz dich«, sagte er bestimmend und hob zwei Stühle vom nächstgelegenen Tisch. »Wir müssen uns unterhalten.«
Kurz zögerte sie. Jede ihrer Zellen schien sie zur Flucht drängen zu wollen. Er hatte sie gerettet, ja. Doch warum?
Der Gedanke, dass er sie bestimmt nicht aus der Folter befreit hätte, um sie jetzt hier am Tisch hinzurichten, gab ihr den letzten Anstoß, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Sorgsam achtete sie darauf, sich nicht anzulehnen, um ihren noch nicht verheilten Rücken zu schonen.
»Kannst du sprechen?«, fragte er schließlich. Seine Mundwinkel zuckten.
Sie nickte, wusste aber immer noch nicht, was sie sagen sollte.
»Wirst du mit mir sprechen?«, setzte er nach.
Sie schüttelte den Kopf. Gespräche zwischen Grauen waren nicht gern gesehen. Aber er ist sicherlich kein Grauer, dachte sie. Er wirkt überhaupt nicht verstummt.
Aufgrund der Gleichgültigkeit in Bezug auf so gut wie alle Situationen waren Verstummte nicht dazu geeignet, Befehle zu erteilen, im Gegenteil. Sie befolgten sie. Deswegen waren alle, die über ihnen standen, keine Grauen. Garrow hatte das durchblicken lassen, als sie sich angesichts seines ungewohnt gesprächigen Verhaltens verunsichert gezeigt hatte.
Und dieser Mann hier wirkte weder devot noch gleichgültig. Er schien es gewohnt, das Sagen zu haben.
Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl umher, darum bemüht, eine erträgliche Position einzunehmen. Dabei stieß sie gegen die Lehne und zuckte zusammen.
»Du musst auf deinen Rücken aufpassen und dich stärken. Hast du die Nahrungspads gefunden, die Garrow dir hinterlegt hat?« Sein Blick durchbohrte sie.
»Du warst da«, brach sie ihr Schweigen. Ihre Stimme krächzte ein wenig, war heiser und ihren Gebrauch nicht gewohnt.
Er riss seine Augen auf, brachte seine Gesichtszüge jedoch schnell wieder unter Kontrolle. Myra betrachtete das Mienenspiel mit regem Interesse. So viele Reaktionen hatte sie noch nie bei einem anderen Menschen beobachten können, wenn man von der grausamen Freude Zoras absah.
»Wo soll ich gewesen sein?«, hakte er nach. Sein Tonfall klang ruhig, als hätte er keine Ahnung, wovon sie sprach.
»Im Kerker. Du hast mich gerettet«, beharrte sie. Sie war sich sicher, obwohl ihre Erinnerungen durch Schmerzen und Ohnmacht verschwommen waren.
Er lehnte sich wieder zurück und strich sich durch die kurzen Haare. »Du hast recht. Aber das muss unter uns bleiben. Es wundert mich, dass du dich überhaupt erinnerst. Du warst kaum mehr bei dir.«
Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, bevor er sie wieder fixierte. Ohne seine Kapuze erkannte sie, dass das Rot in seinen Augen kein Spiel des Lichts gewesen war. Die Farbe seiner Iris war nicht braun, sondern erinnerte sie an den alten Holztisch, an dem sie als Heranwachsende unterrichtet worden war. Mahagoni, ging ihr die Bezeichnung durch den Kopf. So sahen seine Augen aus. Ungewöhnlich.
»Du hast mich herausgeholt, oder?«, kam sie zu ihrer Unterhaltung zurück. »Wie kann niemand davon wissen?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich habe dich betäubt, dir die Schmerzen genommen. Das hat den Anschein einer Ohnmacht erweckt, dem Tod zu nah für weitere Folter. Somit hat Zora ihre Chance verspielt, Informationen aus dir herauszubekommen. Du wurdest von Angehörigen der Krankenstation abgeholt, versorgt und in dein Quartier transportiert. Ich kam später zu dir, habe den Klebeverband angebracht und dir Medizin und Pads gegeben. Sie wissen nicht, dass dir geholfen wurde, und zu unserer beider Sicherheit muss das unbedingt so bleiben.«
Er lehnte sich vor und stützte die Ellenbogen auf seine Oberschenkel. Das abgewetzte, dreckige Leder seines Mantels passte nicht zur Grauen Stadt, fiel Myra auf. Jeder trug die ihm zugeordnete Kleidung, in Myras Fall war es der graue Overall eines Cleaners. Außer einer Nachtgarnitur und ein wenig Unterwäsche besaß sie nichts anderes.
»Warum haben sie mich überhaupt am Leben gelassen?«, wollte sie wissen. Sie wollte gerne wissen, woher er seine Informationen hatte, traute sich jedoch nicht, diese Frage zu stellen.
Er zuckte mit den Achseln. »Vermutlich sah man es als verschwendete Ressourcen an, eine Arbeiterin ohne Beweise auf Verseuchung hinzurichten.«
Myra dachte über seine Worte nach. Machten sie Sinn? Sie wusste es nicht, immerhin kannte sie die Beweggründe der Stillen Ordnung nicht.
Er scheinbar schon.
Was hatte es mit ihm auf sich? Was machte er hier in der Grauen Stadt? Fühlte er so wie sie? In dem Fall wären sie auf derselben Seite, oder? Bedeutete das, sie hatte keine Meldung ihrer Fähigkeiten von ihm zu befürchten?
»Ich werde nichts sagen«, antwortete sie schließlich. »Warum hast du mich überhaupt gerettet?«
»Weil du nicht wie die anderen Grauen bist.« Er nickte in Richtung ihrer Hände und sie wusste sofort, was er meinte. Bei ihrer letzten Begegnung hatte er es gesehen, das Leuchten.
Hastig schob sie ihre geballten Fäuste unter ihre Arme, versteckte sie vor seinen Blicken. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und mit ihm fühlte sie die Hitze in sich hochkochen.
Kontrolle, du musst dich kontrollieren!, zischte die ihr so vertraute Stimme in ihrem Kopf.
»Ich muss jetzt gehen«, brachte sie hervor und stand schwankend auf.
Rasch folgte er ihrer Bewegung, seine Hände beschwichtigend erhoben. »Ich werde dich nicht verraten. Bleib.«
Sein Tonfall hatte sich verändert. Myra konnte es nicht zuordnen … Er hörte sich … weicher an? Sie wich vor ihm zurück. Um zur Tür zu kommen, musste sie zwischen ihm und der Bar hindurchlaufen. Würde er sie gehen lassen?
»Bitte«, setzte er nach. Er rührte sich nicht, behielt sie nur im Auge.
Bitte. Wann hatte sie zuletzt jemanden dieses Wort sagen hören? Lediglich Gefolterte baten um Gnade. Gnade, die hier niemand kannte. Nie war eine Bitte an sie gerichtet worden, denn das beinhaltete die Möglichkeit der Wahl. Und die hatte es für Myra nie gegeben.
Sie atmete tief durch. Er wusste von ihrem Licht und hatte sie gerettet. Wenn er sie ausliefern wollte, hätte er das längst getan, oder?
Zögerlich setzte sie sich zurück auf ihren Stuhl. Er nahm ihr gegenüber Platz.
»Was weißt du über …«, begann sie und blickte zu ihren zitternden Händen hinunter, räusperte sich, »… das Licht?«
Sie wagte kaum, ihn anzugucken. So viele Jahre hatte sie verheimlicht, dass sie sich von den anderen unterschied. Es auszusprechen, kostete sie unglaubliche Überwindung.
Er betrachtete sie, sein Blick flackerte über ihr Gesicht, zu ihrem Mund, dann wieder zu ihren Augen. Unruhig biss sich Myra auf die Unterlippe.
»Ich weiß, dass es dich zerstören kann, wenn du nicht lernst, damit umzugehen.«
Sie zuckte zusammen. Die plötzliche Bewegung jagte Schmerzen durch ihren Rücken. Sterne drangen in ihr Sichtfeld und sie kniff die Augen für einen Moment zusammen. »Ich versuche, es unter Kontrolle zu halten. Beim Verhör ist es mir gelungen, doch in anderen Situationen kommt es immer wieder zum Vorschein«, gestand sie.
Mit hochgezogener Augenbraue sah er sie an. »Es ist ein Wunder, dass du noch nicht aufgefallen bist. Normalerweise werden die Grauen bereits als Heranwachsende aussortiert, wenn sich solche Kräfte in ihnen zeigen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte damals noch keine Kräfte«, erwiderte sie wahrheitsgemäß. »Das Licht ging während meiner Arbeit im Bunker auf mich über.«
Ruckartig lehnte er sich vor. »Du sagst, du hast die Kraft nicht schon immer in dir getragen?«, wiederholte er. »Wie genau ist es dazu gekommen?«
»Ich reinige dort die Boxen. Eine hatte einen Riss, aus dem das Licht kam. Es drang in mich.« Zögerlich blickte sie in sein Gesicht, beobachtete, wie seine Stirn sich in tiefe Falten zog. Er drehte den Kopf von ihr weg, schien in die Ferne zu blicken, ohne den Schankraum oder sie wahrzunehmen.
Dann sprang er auf. »Ich muss gehen. Pass auf dich auf. Leg dich nicht mit Zora an. Wenn sie dich noch einmal in die Finger bekommt, prügelt sie dich tot. Sie will befördert werden. Einer Grauen die Verseuchung nachzuweisen, würde sich hervorragend für ihren Aufstieg eignen. Gib ihr also auf keinen Fall einen Grund, dich offiziell zu inhaftieren. Sobald die Obrigkeit deine Verseuchung auch nur vermutet, ist es aus mit dir.«
Sprachlos starrte Myra ihm nach, wie er auf den Hinterausgang zulief. Woher hatte er solche Details? War er etwa ein Wachmann? Dieser Gedanke hinterließ einen fahlen Geschmack in ihrem Mund.
Mit der Hand auf der Türklinke verharrte er, drehte den Kopf zu ihr. »Wie lautet dein Name?«, fragte er leise.
Sie zögerte, unsicher, was genau er wissen wollte.
»Meine Kennung …«
»Deine Kennung kenne ich. Ich meine deinen richtigen Namen«, unterbrach er sie.
War ihr jemals diese Frage gestellt worden? Nicht, dass sie wüsste.
»Meine Mutter … Sie nannte mich früher Myra.«
Er nickte.
»Wir sehen uns wieder, Myra. Ich werde einige Tage unterwegs sein, doch ich komme hierher zurück.«
Mit diesen Worten verschwand er zur Tür hinaus und ließ Myra mit einer eigentümlich warmen Empfindung in der Brust zurück.